Pontresina-Ferien


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Steinbockvater

Der Steinbockvater

Graubündens

Es waren keine guten Jahre, damals 1916, als der Kleine Rat Graubündens Andrea Rauch von Pontresina mit der Wildhut des Eidgenössischen Bannbezirkes Bernina betraute. Europa brannte.

Die wehrfähigen Schweizer standen an der Grenze, und für viele Familien in Berggemeinden war die Not gross. Für den frischgebackenen Heger mag es deshalb ein Glücksfall gewesen sein, dass ihm jetzt, in höchst unsicheren Zeiten, ein zwar mageres aber fixes Gehalt zustand. Ein Glücksfall war es sicher für das Wild, denn einen kompetenteren, tatkräftigeren und unermüdlicheren Mann hätten die Herren chur wohl kaum finden können. Das sollte sich schon bald erweisen.

Von Martin Merker

Der zu betreuende Wildbann umfasste das unter der gleissenden Gipfelkette des Bernina liegende Gebiet zwischen dem Morteratschgletscher und dem Val Roseg. Mit der Verordnung von 1876 hatte der Bund eidgenössische Bannbezirke im Berggebiet ins Leben gerufen, um dem zusammenkartätschten Wildbestand wieder aufzuhelfen. Neben etwas Federwild, Hasen und Murmeltieren sowie den behaarten und gefiederten Räubern beherbergte das Berninagebiet damals sich langsam erholende Gämsrudel, denen in vergangenen Tagen arg zugesetzt worden war. Um 1800 hatte sich hier der berühmteste Nimrod Rätiens, Gian Marchet Colani, einen beträchtlichen Teil seiner sagenhaften Strecke geholt. Dass ihm in Andrea Rauch ein ähnlich erfolgreicher und mit allen jägerischen Wassern gewaschener Nachfolger entstanden war, ist aus dessen Schussbuch ersichtlich. Bis zum 32. Altersjahr fielen 236 Gämsen seinem Blei zum Opfer. Dabei konnte er längst nicht mehr aus dem Vollen schöpfen wie sein legendärer Vorgänger, denn die Zeiten des keiner Nachhaltigkeit verpflichteten Jagens ohne Schonung säugender Mütter und ihrem Nachwuchs waren vorbei und die Jagdzeit kurz bemessen.

A. Rauch wurde 1874 geboren, als Spross einer Familie, die schon lange im Passdorf ansässig war. Dass sich der Knabe früh für Wild und Weidwerk begeisterte, war nur natürlich, eher aussergewöhnlich dagegen sein Interesse für das in der Schweiz längst ausgerottete Steinwild. Er konnte sich dennoch ein recht gutes Bild über diese Wildziegen machen, da sein Vater in den Wintern 1889-92 eine englische Jagdgesellschaft geleitet und dem nubischen Steinbock in den Küstengebirgen am Roten Meer nachgestellt hatte. Die Schilderungen jener Jagden und Wildbeobachtungen scheinen den nachmaligen Wildhüter stark beeinflusst zu haben. Die Familie betrieb eine Wagnerei und betreute zwei SAC-Hütten, Boval und Tschierva im Berninamassiv. Andrea lernte gründlich im aufgeschlagenen Buch der Natur zu lesen und wurde durch den väterlichen Lehrmeister ins Jagdhandwerk eingeführt.

Nach recht ermutigenden Berichten über das Gedeihen der 1911 begründeten Steinwildkolonie Graue Hörner (SG) erwachte in Graubünden - nach gescheiterten Versuchen - erneut der Wunsch, das Wappentier anzusiedeln. 1920 trafen drei Jungtiere aus dem Zuchtgehege Peter und Paul in St. Gallen und zwei Böckchen und zwei Geisslein aus dem Tierpark Harder (Interlaken) in Zernez ein. Ihre Aussetzung erfolgte am Piz Terza im Nationalpark.

Sonderbare Fremdlinge

Um die Mitte August 1921 stürmte der zwölfjährige Geisshirt Thomi Fimian atemlos in die Stube seiner Eltern in Bernina Häuser an der Passstrasse und hatte Aufregendes zu berichten: Es seien heute bei seinen Schützlingen an den Hängen des Piz Albris auch noch zwei Gämsen gewesen, aber keine richtigen Gämsen, denn sie hätten ziegenartige Gehörne und seien bei seinem Erscheinen nicht weit geflüchtet. Der Bub sah die Fabeltiere noch öfter, aber alle Versuche anderer, ihrer ansichtig zu werden, blieben vergeblich - bis im November. Vor einem Schnee bringenden Wetterumsturz verzogen sich die Ziegen des Johann Martin Fimian gegen die Talsohle hinunter und trieben sich bei den Bahngeleisen herum und in ihrer Gesellschaft befanden sich auch die zwei Fremdlinge.

Sie liessen sich von den herbeieilenden Leuten zwar begaffen nicht aber einfangen und flohen bergwärts. Rauch wurde die Kunde vom Herumtreiben der zwei auch zugetragen, er mass den Berichten aber zunächst wenig Bedeuten bei. Ausserdem liessen ihm seine Pflichten als Wildhüter im Herbst kaum Zeit für Nachforschungen.

Erst als er im Winter diverse Augenzeugen genauer befragte, dämmerte ihm, um was es sich handeln könnte und er beauftragte J.M. Fimian, ihn unverzüglich zu benachrichtigen, sollte sich die Tiere zeigen. Er selbst versuchte sein Glück am 28. und 29. Dezember, erspähte aber trotz sorgfältigem Absuchen des gesamten Gebietes oberhalb der Bernina Häuser nichts.

Ergebnislos verlief auch die erneute Suche am 13. 1. 22. Am 12. 3. entdeckten die Brüder Fimian die fraglichen Tiere wieder, unterliessen aber eine Meldung an Rauch, aus Furcht, er könnte sie einfangen und wegbringen lassen. Der Wildhüter bekam Wind von der Geschichte, machte den zwei Brüdern Vorhaltungen und versuchte am 13. 3. und am 20. 3. erneut, Klarheit zu erlangen - vergeblich. Dann wendete sich das Blatt.

Erstmals gesichtet

In Rauchs «Observationsstatistik des Steinwildes am Albris» findet sich am 21. 3. 22 folgender Eintrag: «Um 9 Uhr telephonischer Bericht von J.M. Fimian, er sehe die Tiere wieder. Mit dem nächsten Zug der Bernina Bahn, der am 12 Uhr 18 abfuhr, mich dort hinauf begeben, leider verdunkelte inzwischen die Witterung jeglichen Ausblick. Abends gegen vier Uhr wurde es wieder etwas heller, sodass es möglich war das Gelände nach den Tieren abzuspähen, die ich denn auch bald fand. Ungefähr eine Stunde war es mir vergönnt, die zwei fraglichen Tiere genau in Augenschein zu nehmen und zu beobachten, dann wurden sie wieder von dichtem Nebel verdeckt. Obwohl ich selbst kein Steinwildkenner bin so muss ich diese zwei Tiere als zwei Steingeissen ansprechen, die jedenfalls vom Nationalpark im Unter-Engadin oder vom Aelagebiet hergewechselt sein müssen. An das kantonale Polizeibureau vom Beobachteten Rapport erstattet.»

Der Heger geriet ob der freudigen Entdeckung ins Grübeln und befürchtete grundlos, die Parkverantwortlichen würden die zwei Ausreisser zurückverlangen. Nichts dergleichen geschah. Man bestritt vielmehr, vielleicht wider besseres Wissen, dass die zwei Interlakener Paare abgewandert seien. Diskrete Erkundigungen Rauchs im Livigno ergaben, dass die zwei Böckchen einem Wilderer vor's Rohr gelaufen waren. Die Gehörne konnten erworben werden und erhärteten den Verdacht des Hegers. Den Frevler ereilte das Schicksal 1923 am Lavirunpass, als er die Waffe gegen einen Grenzwächter erhob und erschossen wurde. Rauch war in Sorge, dass die zwei Touristinnen wieder aufwanderschaft gehen könnten. Er traf deshalb unverzüglich Vorkehrungen, um sie im Gebiet zu halten. An ihrem Lieblingsaufenthaltsort richtete er eine Salzlecke ein, die sofort angenommen wurde. Denn wie er wusste, mangelt es im Albrisgebiet an natürlichen, salpetrigen Felsausschwitzungen, was auch den heute noch geringen Bestand mit Gamswild teilweise erklärt. Um den Steingeissen Zugang zu Wasser zu verschaffen, befreite er einen verdeckten Bachlauf vom darüberliegenden Geröll.

Als weitere Massnahme bat er Fimian, seine Geissen samt zwei kastrierten Böcken nach der Schneeschmelze wieder ins Gebiet zu treiben, um die Besucher an ihre Verwandten zu binden. Es war so auch leichter, die schwer auszumachenden Steintiere zu lokalisieren, wenn einmal die bunteren Ziegen im Blickfeld waren.

Am 22. 6. notierte Rauch zum Verhalten der zwei Arten: «...auf der einen Seite überlegene Flinkheit und Elastizität und auf der anderen täppisches Wesen...». Aus Chur kamen trotz des unverzüglichen Rapports über die Ankunft der Steingeissen keine Weisungen. Ein Nachhaken via Gemeindebehörden von Pontresina blieb unbeantwortet, und weitere Anfragen wurden abschlägig beschieden. Man mass offenbar der Angelegenheit keine Bedeutung bei. Nun drängte Rauch den Vizepräsidenten Pontresinas, Kaspar Hitz, eine Sammlung zum Ankauf von zwei Böckchen zu lancieren.

Unter dem Vorsitz von Polizeipräsident Philip Mark aus St. Moritz bildete sich umgehend ein Steinbockkomitee, dem Gemeindepräsident Caprez, sein Vize Hitz und die Herren Saratz und Gredig angehörten. Durch die Kollekte kamen in kurzer Zeit Fr. 1100.-zusammen. Für das Erwerben von zwei Böckchen waren aber Fr. 3000.- zu berappen, zuzüglich der Transportkosten. Das Komitee wandte sich in einem dringlichen Schreiben an den Bundesrat mit der Bitte um Hilfe. Man berief sich auf Art. 22 des Bundesgesetzes, wo es heisst: «Der Bund unterstüzt die Besiedlung des Alpengebietes mit Steinwild durch Beiträge». Das fehlende Geld traf bald ein. Es stimmt etwas nachdenklich, dass für ein Stück Steinwild just der Betrag zu entrichten war, der das Jahresgehalt seines Hegers ausmachte.

1. Aussetzung

Das Interesse im Dorf war gross, und viele Einwohner standen Spalier, als am 14. Juli 1922 die kostbare Fracht in Bernina Häuser eintraf. Begleitet wurden die Böckchen von Robert Mader, dem verdienstvollen, weitsichtigen Gründer der St. Galler Steinwildzucht. Ihm ist zu einem guten Teil die Wiederbesiedlung der Schweiz mit diesem prächtigen Alpenbewohner zu verdanken. Unter tatkräftiger Hilfe vieler, inklusive Gemeindepräsident Caprez, wurden die Transportkisten bis zu einer von Rauch ausgesuchten Stelle den Berg hochgetragen. Alsbald erlangten die durchgerüttelten Passagiere mit ein paar Fluchten die Freiheit. Unterdessen konnten sich die Träger im aufkommenden Nebel unbemerkt bergab davonstehlen. Durch ein Missverständnis eines Beamten wurde das Ereignis nicht nach Chur, sondern direkt nach Bern gemeldet. In der Folge zeigte sich die Kantonsregierung verschnupft, steuerte keine Mittel bei und erlaubte Wildhüter Rauch nur, sich insoweit um die aufkeimende Kolonie zu kümmern, als es seine übrigen, zeitraubenden Tätigkeiten zuliessen. Zusätzliche Auslagen hatte er aus eigener Tasche zu begleichen. Rauch liess sich durch die abweisende Haltung seiner Brotgeber nicht entmutigen und beobachtete seine Schützlinge, wann immer es sich machen liess, von der anderen Talseite aus, um ja nicht zu stören. Nach Kräften wurde er dabei von Jagdaufseher Schocher, den Gebrüdern Fimian, Wegmachern und Bahnangestellten unterstützt. Rauch hielt es für angezeigt, dem nun fast immer zusammen gesichteten Glückskleeblatt an seinem Sommereinstand unter dem Albrisgrat eine weitere Lecke zu installieren und regelmässig zu beschicken, um ihm die neue Heimat möglichst schmackhaft zu machen. Später musste der oft stundenlang beobachtende Heger feststellen, dass sich ein Trio gebildet hatte, das Front gegen einen der Jünglinge machte und ihn oft verstiess. Am 22. November konstatierte Rauch eine Unruhe «...ob wohl der Naturtrieb, Anzeichen der Brunft in den

Tieren erwacht wäre?» Die Vier überstanden den Winter in guter Verfassung, obwohl sie am 4. Februar durch Skifahrer mit «Juchzen und Gröhlen» versprengt wurden und dann bis zum 22. 3. 23 unsichtbar blieben. Die rasende Unvernunft auf gewachsten Latten war offenbar schon damals ein Thema. Am 7. März kam es zu einer Begegnung mit einem Adler. Die Überraschten sprangen auf und zeigten dem Angreifer die Hörner. Es liess sich auch wiederholt beobachten, dass die in Gefangenschaft Geborenen sich sehr umsichtig im Gelände bewegten und der Gefahr abgehender Lawinen und dem Steinschlag geschickt auswichen. Naturgemäss waren die Sinne der zwei Geissen geschärfter als jene ihrer jüngeren Begleiter.

Rauch legte den Gebrüdern Fimian nahe, die Ziegen nicht mehr ins Steinwildgebiet aufzutreiben. Er befürchtete das Einschleppen von Krankheiten und Seuchen und ein unvollständiges Verwildern der Steintiere.

Nachwuchs

Das Jahr 1924 wartete mit einer Überraschung auf, denn im Juni führte das eine Tier ein Kitz. Ein weiteres kam 1925 zur Welt. Im selben Jahr wurden 2 Geisslein und ein Jährling aus dem Tierpark

Harder bestellt und ausgesetzt. Derart sollte die Gefahr der Inzucht gebannt werden.

Weitere Einbürgerungen erfolgten 1927 (2 einjährige Pärchen) und 1928 (1 einjähriges Paar). 1927 stellte sich erneut eine vermutlich aus dem Nationalpark entwichene Geiss ein. Bereits 1923 war auf Anregung Rauchs ein den PizAlbris umschliessendes Wildasyl geschaffen worden, dem 1927 ein weiteres Gebiet bis zum Sägebach am Ortsrand Pontresinas angegliedert wurde. Denn inzwischen war es dem umtriebigen Heger gelungen, die gehörnten Siedler in bislang ungenutztes Terrain weiter nördlich zu locken. Dabei leistete ihm einer unschätzbare Dienste: der zahme Hans!

Das war jener Bock, dem die Artgenossen den Anschluss verwehrten, der nie richtig verwilderte und der mehr und mehr den Kontakt mit Menschen suchte, derer er ansichtig wurde. Einem schloss er sich besonders an, seinem Freund und Beschützer mit dem Rübezahlbart. Gelegentlich begleitete er ihn bis ins Haus, folgte seiner Spur wie ein Hund und konnte nur mit etwas hingestreutem Salz abgelenkt werden. Das brachte Rauch auf die Idee, eine Salzlecke näher bei Pontresina zu bauen, zu der Hans seine Sippe führen sollte. Der Trick gelang und bewog die inzwischen auf 20 Köpfe angewachsene Kolonie, ihr Streifgebiet erheblich zu vegrössern. Dem treuen Hans verdankte Rauch einzigartige Einblicke in das Leben und Verhalten eines Steinbockes. Wenn er irgendwo rastete, bettete sich Hans neben ihn und verblüffte ihn mehrmals durch seine Sinnesleistungen, wenn der Adler um die Wege war oder Gämsen, die er lange vor seinem Freund ausfindig gemacht hatte. Der Tagebucheintrag vom 30. 8. 27 vermerkt: «Entdecke morgends um 63/4 Uhr vom Tale aus, ob der Salzlecke, 10-12 Stk. Steinwild im Geröll äsend. Nicht weit davon auch ca. 35 Gämsen. Es war wirklich höchst interessant, diese zwei Wildarten friedlich fast nebeneinander zu beobachten.» Der gute Hans nahm ein ungutes Ende. Als er einer Wanderin zu nahe trat, wollten ihn zwei Forstarbeiter fangen und brachen dabei dem sich heftig Wehrenden den Hals.

Rasches Wachstum der Kolonie

1929 wurden im Albrisgebiet bereits 29 Stück Steinwild gezählt und im selben Jahr mindestens 8 Kitze gesetzt. Zwei Jahre vorher war das Steinwildkomitee aufgelöst worden, dessen private Spendensammlung bis dahin die stolze Summe von 8596.- Franken eingebracht hatte. Den Löwenanteil von 3500.- hatte der Kur- und Verkehrsverein Pontresina beigesteuert, 500.- der Oberengadiner Kurverein und 200.- der Jägerverein St. Moritz. Aus der übrigen Schweiz gingen 370.- ein, nebst Beiträgen aus dem Engadin und vom Schweiz. Bund für Naturschutz. Ab jetzt übernahm Bundesbern die weitere Finanzierung, und auch der Kanton hatte ein Einsehen, stockte das Wildhütergehalt um Fr. 500.- auf und erstattete die Fahrkosten. Man kann mit Fug und Recht feststellen, dass die bedeutendste Steinwildkolonie der Schweizer Alpen ihre Existenz praktisch allein privater Initiative und dem Idealismus ihrer Gründerväter verdankt, ganz gewiss aber ihrem Heger, dem diese anspruchsvolle Betreuung eine Herzensangelegenheit war, der er sich mit Leib und Seele verschrieben hatte. Andrea Rauch hatte die Genugtuung, den krönenden Erfolg all seiner rastlosen Arbeit und all seiner Beharrlichkeit noch zu erleben. Bis 1937 wurden 237 Kitze geboren und 1939, dem Jahr seiner Pensionierung, zählte die Kolonie etliche hundert Tiere. Im Jahr 1937 erschien bei Orell Füssli sein Klassiker «Der Steinbock wieder in den Alpen». In diesem Buch geht der Autor auch ausführlich auf jene Punkte ein, die es beim Gründen einer Kolonie zu beachten gilt, gibt wichtige Tipps zur Wahl des Gebietes und für das Anlegen von Winter- und Sommersalzlecken, wo das notwendig erscheint.

Der Bedarf an lebenswichtigen Mineralien muss im Gebiet gedeckt werden können und ist insbesondere im Frühjahr zur Zeit des Haarwechsels gross. Ist die Äsung ungenügend, wandern die Neubürger ab in bessere Gefilde. Menschliche Kontakte sollten vermieden werden, um ein rasches Verwildem zu ermöglichen. Auf keinen Fall sollte das Steinwild die Weiden mit Schafen und Ziegen teilen müssen. Zum Albris bemerkte der damalige, profunde Steinwildkenner Dr. E. Bächler, dass dieses Gebiet wohl kaum als Besiedlungsgebiet ausersehen worden wäre von den Verantwortlichen für die Wiedereinbürgerung des Wappentieres. Das imposante Tier hatte selbst die Entscheidung getroffen.

Ein Heger allen Wildes

Wildhüter Rauch war nicht nur der Steinbockvater. Mit derselben Gründlichkeit betreute und beobachtete er die anderen Kreaturen in seinem Jagdbann. Dabei kam ihm sicher seine jägerische Vergangenheit zustatten. Seine Tagebücher sind eine Fundgrube für jeden, der sich für das Alpenwild interessiert und zeigen auf, dass vieles, was heutzutage in wildbiologischen Studien als neue Erkenntnis verkauft wird, diesem genauen Beobachter längst bekannt war, auch wenn er es vielleicht etwas weniger hochgestochen zu Papier brachte. Dass er im Übrigen seiner Zeit voraus war, beweist die Zuneigung, die er für den damals verfehmten und verteufelten Adler hegte, in dem die Jäger einen Nahrungskonkurrenten zu erkennen glaubten. Rauch betrachtete den imposanten Segler als integralen Bestandteil der Natur, genauso wie auch die inzwischen ausgerotteten Grossraubtiere. Er vertrat eigene Ansichten zum Verschwinden dieser einst heimischen Arten und legte dar, dass dieses nicht allein dem Jäger anzulasten sei. Die meisten seiner Einsichten gewann er durch das tägliche und intensive Studium seiner vielfältigen Schützlinge, nicht aus Büchern. Deshalb wirkt er auch frischer und glaubwürdiger als die vielen Theoretiker, die heute wie Boviste aus dem überdüngten Boden schiessen und losplärren. Am 29. 3. 1942 schloss der Steinbockvater für immer seine Augen und wurde vom ganzen Dorf Pontresina zu seiner letzten Ruhestätte begleitet. Sein Lebenswerk war in gute Hände übergegangen, an seinen gleichnamigen Sohn. Von ihm soll in einer nächsten Folge die Rede sein. Am 8. Januar 2001 wurde der Nachlass A. Rauchs von seiner Enkelin Lisa Guler und seinem Urenkel Mirco Rauch dem Archiv der Fundaziun Chesa Planta in Samedan übergeben. Dort hat sich der Autor kundig gemacht. Die verwendeten Dokumente und das Bildmaterial stammen aus dem Nachlass.

Ein Leben für das Wappentier Graubündens - Andrea Rauch junior

Andrea Rauch junior wurde am 28. Februar 1905 in Pontresina geboren und war elfjährig, als sein Vater zum Wildhüter über den Wildbann Bernina ernannt wurde. Er hat also die Rückkehr des Bündner Wappentieres ins Oberengadin, 1921, von Anfang an mitverfolgen können. Vermutlich hegte der später zu Ruhm und Ehren gelangende Steinbockvater schon bald einmal den Wunsch, sein Bub möge sein Lebenswerk fortsetzen.

Unterweisung liess es Andrea Rauch senior jedenfalls nicht fehlen und nahm ihn schon früh mit auf seine ausgedehnten Kontrollgänge in das ihm anvertraute Gebiet links und rechts der Passstrasse. Dabei öffnete er dem Sohn die Augen für all die Schönheiten der Natur ringsum, pflanzte ihm die Achtung vor der Kreatur ein und formte ihn schliesslich zum firmen, sauberen Jäger.

Der Familientradition folgend, liess sich der Schulabgänger in Thusis zum Wagner ausbilden und wurde gleich nach dem Lehrabschluss vom beeindruckten Prüfungsexperten, Wagnermeister Blatter, in Chur in Stellung genommen. Als Geselle erwarb sich Rauch die notwendige Erfahrung und Fertigkeit, um den väterlichen Betrieb zu übernehmen. Nebst Wagnerarbeiten fabrizierte er später auch Skis, an die man damals weniger hohe Ansprüche stellte als in heutigen, hochtechnologischen Zeiten. Daneben unterstützte er Eltern und Schwester bei der Bewirtschaftung. der SAC-Hütten auf Boval und Tschierva am Fuss der Bernina. Das alles war aber nur die Vorgeschichte zu seiner eigentlichen Berufung. Denn als sein Vater 1939 aus dem Staatsdienst ausschied, drängte er den mit allen Aspekten der Steinwildhege bestens vertrauten Sohn, sich um die vakante Wildhüterstelle zu bewerben und zur Steinbockkolonie Sorge zu tragen. Mehr aus Pflichtbewusstsein als aus innerer Überzeugung schlug der Junior ein und kandidierte erfolgreich für den Posten.

1936 hatte Vater Rauch im Einzugsgebiet des Piz Albris 209 Steinböcke gezählt. In nur 15 Jahren war die prosperierende Kolonie von zwei zugewanderten Geissen und 14 ausgesetzten Jungtiere auf diese stolze Zahl angewachsen. Vielleicht lebten die zwei Stammmütter zu diesem Zeitpunkt sogar noch. Das Steinwild gedieh auch während den Kriegsjahren prächtig und blieb von Seuchen und anderen Kalamitäten verschont. Dennoch waren auch unerfreuliche Zwischenfälle zu verzeichnen. So bewiesen Militärs wenig Fingerspitzengefühl und veranstalteten 1944 im Heutal gegen den Piz Tschüffer hinauf ein militärisches Scharfschiessen, obwohl sich in der besagten Gegend im Sommer Steinböcke aufhielten. Die rüde aus ihrem idyllischen Dasein gerissenen Tiere flüchteten panikartig taleinwärts, und wie es nicht anders zu erwarten war, machten ihnen die an der Landesgrenze lauernden Livignasker den Garaus. Das waren recht verwegene Gesellen, damals, in jenen vom Kriegsrecht geprägten Zeiten. Ertappte Frevler scheuten sich nicht, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen, und ab und zu blieb nach einem Schusswechsel mit Grenzern einer liegen. 1946 errichteten Touristiker und Wintersportler mit der ihnen eigenen Unbekümmertheit um Belange des Naturschutzes auf Paradis eine Hütte, gerade am oberen Rand des Einstandes von Steinwild, was dieses stark beunruhigte. Es reagiert empfindlich auf Störungen von oben, weniger auf solche unterhalb. Im selben Jahr betrug der geschätzte Zuwachs an Kitzen mindestens 55-60 Stück. Fünf Jahre später hinterliess der berüchtigte Lawinenwinter auch im Oberengadin und am Bernina Spuren der Verwüstung. Das Steinwild kam nicht ungeschoren davon, machte aber die Verluste bald wieder wett.

Hatte es sich anfänglich darum gehandelt, der aufkeimenden Kolonie jeden erdenklichen Schutzangedeihen zu lassen und sie im Gebiet zu halten, tat sich schon bald nach dem 2. Weltkrieg ein völlig unerwartetes Problem auf: Es gab zu viele Steinböcke, zumindest für die Förster, die sich darum mühten, das Dorf Pontresina sichernde Lawinenverbauungen im unteren Teil durch Aufforstungen zu verstärken. Gerade dort, am Unteren Schafberg, stellte sich während der Wintermonate ein Teil der Wildziegen ein und gefährdete den aufkommenden Bewuchs, weniger durch Verbiss, eher durch Tritt- und Schlagschäden.

In kämpferischer Laune attackieren Böcke zuweilen Bäumchen und bearbeiten die Stämme mit dem Gehörn, wobei sie mit dem Haupt Bewegungen in Form einer liegenden Acht vollführen und so links und rechts die Rinde abwetzen. Nicht alle Arven überleben eine solch liebevolle Behandlung. Steinwild breitet sich anders aus als Rot-, Reh- und Gamswild. Es wechselt in grösseren Tälern nicht von der einen zur anderen Seite. Die gehörnten Kolonisten am Albris haben deshalb in südlich und östlich angrenzendem Gelände zögerlich Fuss gefasst, sich aber nicht über die Talsohle hinweg ins Bernina Massiv vorgewagt oder nach Norden über das Engadiner Haupttal hinaus neue Weidegründe erschlossen. Einer Ausweitung des Lebensraumes nach Westen stand die Jägerschaft ohnehin skeptisch gegenüber, da sie ein Zurückdrängendes guten Gemsbestandes befürchtete. Wie schon Andrea Rauch senior in seinen Notizen festhielt, hat sich selbst in gamsgesegneten Zeiten der Bestand des Krickelwildes am Albris in Grenzen gehalten. Er machte dafür das Fehlen natürlicher Salzlecken verantwortlich. Mindestens ebenso begrenzend wirkt sich aber das verfügbare Asungsangebot aus, und das hat seine Konsequenzen auch für das vorwiegend von Gräsern lebendes Steinwild. Wegen der beobachteten geringen Neigung der Steinböcke, neue Gebiete zu besiedeln, musste befürchtet werden, dass die Tragfähigkeit des Biotops bald überschritten und sich damit negative Auswirkungen auf die Individuen bemerkbar machen würden. So waren es also nicht nur die Schäden am Unteren Schafberg, sondern auch die hohe Wilddichte, die zum Handeln zwangen. Strenge Schutzbestimmungen liessen ein Abschiessen überzähliger Tiere nicht zu. Eine andere Idee rückte deshalb in den Vordergrund, jene nämlich, Jungwild einzufangen und umzusiedeln. Mit 100000.- Franken beteiligte sich der Bund 1951 an der Verhütung von Steinwildschäden in Aufforstungen am Schafberg und am auf die Beine, zu stellenden Programm zum Fang von Steinböcken. Mit ihren Sorgen standen die Pontresiner nicht allein da. Ähnliche Probleme hatten Gewitterwolken über der Kolonie Augstmatthorn am Brienzersee aufziehen lassen, und die Verantwortlichen waren bereits mit Versuchen beschäftigt, Steinwild zu behändigen. Sowohl dort wie auch am Albris war noch viel Pionierarbeit zu bewältigen, da in der damals verfügbaren Literatur nur wenig über das Einfangen alpiner Huftiere in grösseren Umfang zu finden war. Ein erster Anlauf mit einem von Rauch entworfenen Prototyp einer Falle, die sich samt dem gefangenen Tier auf dem Rücken tragen liess, scheiterte kläglich. Der Tüftler machte sich an die Konstruktion einer festen Einrichtung in Kastenform, die an Wechseln placiert werden sollte und mit Falltüren ausgerüstet war. Die Fertigung nahm der gewiefte Handwerker in der eigenen Wagnerei vor, musste aber trotz laufender Verbesserung der Modelle über mehrere Jahre hinweg nebst kleinen Erfolgen immer wieder herbe Rückschläge hinnehmen. Obwohl die an verschiedenen Standorten aufgestellten Kisten den ganzen Winter über offenstanden, brachten ihnen die Einzufangenden ein gesundes Misstrauen entgegen und waren trotz dem ausgelegten Salz kaum zwischen die zwei Falltore zu locken. Immerhin gelang es dann im Frühling, einzelne Individuen einzusperren. Doch als sich der Heger der Falle näherte, sprangen die in Panik geratenen Tiere wild gegen die Maschendrahtwände und brachten sich Verletzungen bei. Die Verblendung des Geflechts mit Sackleinwand war ein Fehlschlag, weil deren Geruch die Steinböcke fernhielt. Zusammen mit dem Apotheker Golay experimentierte Rauch an der Zusammensetzung eines gaumenreizenden Lockmittels, mit dem die Fallen bestrichen wurden. Gleichzeitig beschaffte er sich von den Brienzer Kollegen die Formel für deren «Gläck», das sie in Holztröge verbrachten und damit die Fallen beköderten. Es bestand aus Erdnussschrot, Sesambrocken und Malzhefe, also aus Komponenten, die damals in der Schweiz beschafft werden konnten. Das schliesslich zum Erfolg führende Fallenmodell war ein Holzrahmen mit

Drahtgeflechtwänden, je einem Falltor an den Schmalseiten und simultan herabfallenden Sackleinwandblenden. Die Auslösung erfolgte elektrisch mit Hilfe einer Trockenbatterie. Insgesamt betrieb Wildhüter Rauch in dieser Anfangsphase 9 Fallen, die, ausser einer, alle mit dem Fernrohr vom Tal aus kontrolliert werden konnten. Vier kamen in den Frühlingsaufenthaltsort des Steinwildes ob dem Dorf zu stehen und weitere fünf verteilt über den Sommereinstand.

Denn es hatte sich erwiesen, dass mit dem Fang im Frühjahr allein zuwenig Tiere anfielen, 1953, nach der Schneeschmelze, lief die Aktion endlich richtig an, und bis 1955 wurden 111 Stück Wild vorübergehend ihrer Freiheit beraubt. Im einzelnen waren es 3 Rehe, 12 Gemsen und 95 Stück Steinwild. 57 dieser letzteren kamen anderswo zur Auswilderung, 8 gingen ein, wobei von diesen 6 bereits vorher an Durchfall gelitten hatten. Der Rest war für ein Aussetzten nicht geeignet und wurde freigelassen, wie die Rehe. Die Gemsen verbrachte man an den Creux du Van im Waadtländer Jura. In der Regel fingen sich immer mehr Böcke als Geissen. Die Wagnerei wurde zum Lazarett für kranke und verletzte Tiere umfunktioniert. Als Säuglingsschwestern und Pflegerinnen fungierten die Ehefrau samt den zwei Töchtern Jolanda und Luisa. «Liesel», wie sie gerufen wurde, rückte immer mehr in den Rang einer Assistentin des Vaters auf, besorgte selbständig das Präparieren der Fallen, Salzlecken, die Fallenkontrolle und übernahm auch die Leitung der Entnahme gefangener Tiere sowie deren Abtransport. Die anfänglich verwendeten Tragkisten erwiesen sich als zu unhandlich und zu schwer. Sie wurden bald durch leichte Weidenkörbe ersetzt. Gelegentlich galt es, bis zu neun Behälter gleichzeitig die steilen Bergflanken hinabzubalancieren, wozu 25 Träger benötigt wurden. Für all diese Mitarbeit erhielt die tüchtige junge Frau eine Entschädigung und war bis 1956 im Dienst des Eidg. Jagdinspektorats. Liesel war unentbehrlich in diesen ersten Jahren, da der Vater seine übrigen Verpflichtungen wahrnehmen musste. Jährlich fielen mehr als 350 Kontrollgänge in die Bannbezirke Bernina und Albris an. Feiertage und Ferien blieben in diesem Haushalt Fremdworte. Ab 1956 wurden dann Jagdaufseher nach Pontresina abkommandiert und standen für die Fangsaison zur Verfügung. Neben JA Peter Margadant und JA Ulrich Grass zeichnete sich Simeon Chasper von der Lenzerheide durch besondere Tüchtigkeit aus. Die Steinwild-Fangstatistik zeigt eindrücklich, was da in 33 Jahren geleistet wurde:

1947-1970

Eingefangen: 807 männl., 577 weihl., 84 Kitze (1468 Stück). Versetzt: 586 männl., 426 weihl., 21 Kitze (1033 Stück). Freigelassen: 198 männl., 127 weihl., 59 Kitze (384 Stück

35 Tiere gingen ein, entweder während dem Fangen oder anschliessend an Krankheiten. Wenn heute fast im gesamten Alpenbogen und in angrenzenden Gebirgen wieder Steinwild seine Fährte zieht, ist das zu einem guten Teil auf den nimmermüden Einsatz von Vater und Sohn Andrea Rauch samt ihren Familien und Helfern zurückzuführen. Steinböcke vom Albris bilden nicht nur den Grundstock vieler Kolonien in den Schweizer Bergen, sie wurden auch in andere Alpenländer verbracht. Weitere Fänge in den Kolonien Augstmatthorn und in jener schnell wachsenden am Mont Pleureur im Val de Bagnes (VS) trugen das ihre dazu bei, dass die Rückkehr des Wappentiers in seine angestammte Heimat zum Triumph für die Initianten wurde

Neben den immer wieder vereinzelt in den Fallen aufgefundenen Gemsen und Rehen hat Rauch 1961-64 auch Murmeltiere gefangen, vor allem in Heuwiesen, wenn sich deren Besitzer über Schäden beschwerten. Die Wildfänge wurden anderswo wieder in Freiheit gesetzt oder an interessierte Wildparks abgegeben. Als staatlicher Heger war Rauch verpflichtet, Wildbeobachtungen detailliert in einem Tagebuch festzuhalten. Mitte der Fünfzigerjahre tauchen die ersten Eintragungen über gesichtetes Rotwild in seinen Wildbannbezirken auf. Ihre Trittsiegel hatte er schon früher gespürt. Im Engadiner Haupttal war der grosse Wiederkäuer schon seit einiger Zeit wieder heimisch und wurde da und dort im September erlegt. Im Naturdokumente eine Frische aus, die den überperfekten Fotos unserer Tage abgeht und bei denen ein kritischer Betrachter oft vermuten muss, dass sie nicht in freier Wildbahn entstanden sind. Dass Andrea Rauch vor seiner Berufung zum Wildhüter ein überdurchschnittlich begabter Jäger war erstaunt nicht. Eine von ihm erlegte Gemse wurde lange als fünftbeste Schweizertrophäe und als 22. der Weltrangliste geführt. Am 24. August 1970 legte A. Rauch die Betreuung des Wildes am Bernina in jüngere Hände. Er hatte jetzt mehr Zeit, seinen Enkeln die unvergleichlichen Naturschönheiten dieser Gegend zu zeigen, wie es vor langer Zeit sein Vater mit ihm getan hatte.

Wie überall, wo ein schwieriges Unterfangen schliesslich von Erfolg gekrönt wird, sind die Neider nicht weit, und Trittbrettfahrer treten auf den Plan und möchten sich im Ruhmesglanz sonnen, ohne dass ihnen in der ganzen Angelegenheit ein besonderes Verdienst zukäme. Auf dem Gebiet Faunenbereicherung zeigt sich das heute z.B. beim erfolgreichen Bartgeierprojekt und bei der Einbürgerung des Luchses. Andrea Rauch junior ging es auch nicht anders. So musste er 1980, bei der Lektüre der Neuen Bündner Zeitung erfahren, dass nicht er sondern ein anderer Pontresiner der Vater der Steinbockfängerei, Erfinder des Lockmittels und Fachmann für den Steinwildtransport sei. Besagter «Fachmann» war aber erst seit 1957 im Wildschutz tätig und bis 1970 mit anderen Aufgaben betraut. In dieser Angelegenheit scheint das Kantonale Jagdinspektorat eine zwielichtige Rolle gespielt zu haben, vielleicht weil A. Rauch sich immer vehement gegen ein Abschiessen überzähliger Steinböcke zur Wehr gesetzt hatte. Bekanntlich wurde dann 1977 die Hegejagd auf Steinwild eingeführt und gesetzlich verankert. Da sich die Redaktion der Zeitung um eine Richtigstellung drückte, wandte sich der alte Heger in einem Schreiben an den Regierungsrat, damit ihm Gerechtigkeit widerfahre. Trotz diesem betrüblichen Misston am Ende seines 31jährigen Einsatzes für das stolze Wild hatte Andrea Rauch den durchschlagenden Erfolg seiner Arbeit und jener des Vaters vor Augen, wann immer er in sein einstiges Wirkungsgebiet empor sah und nach kurzem Suchen seine Schützlinge entdeckte. Er erlebte auch noch des Verschmelzen der Albriskolonie mit östlich angrenzenden Populationen und die Ausbreitung ins ehemals Steinwild-feindliche Livigno. Ironischerweise hat sich die Abwanderung nach Italien verstärkt, seit den Steinböcken auf Bündnerboden intensiv nachgestellt wird.

Andrea Rauch tat sich schwer mit der immer aggressiver vorangetriebenen und von der Profitgier erbärmlicher Stümper diktierten Verschandelung seiner angestammten Heimat. Er musste zusehen, wie der Lebensraum der Wildtiere mehr und mehr eingeschnürt wurde. Als die an all seinen Bemühungen und Erfolgen teilhabenden Gefährtin starb, entfloh er traurig dem Schauplatz wildgewordener, nur dem kurzfristigen Erfolg verpflichteter Planer und Macher und verbrachte 16 Jahre bei seiner Tochter Liesel im Tessin. Er wollte sich das Bild des Engadins so bewahren, wie es sich in den Zeiten seines Heranwachsens und seiner Arbeit als Wildhüter gefestigt hatte.

Hochbetagt schloss Andrea Rauch am 11. Januar 1999 für immer seine Augen.

Das umfangreiche und einzigartige Material stammt aus dem Kulturarchiv Oberengadin, das in der Chesa Planta ihren Sitz hat. Wir bedanken uns ganz herzlich für die zur Verfügungsstellung


Artikel Dr.. Martin Merker A.Rauch Senior.pdf

Ein Leben für das Wappentier Graubündens.pdf


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